Rund 24000 Mitglieder hat die in Stuttgart lebende US-Militärgemeinde. Für ihre Sicherheit und das problemlose Miteinander innerhalb der vier Kasernen sorgen Militärpolizisten wie Jayden Wallace und Graig Schuler
Erschienen am 21. September 2018 in der Stuttgarter Zeitung – Nr. 219
185 Militärpolizisten sind in den Militärbasen der USA in und um Stuttgart stationiert. Sie kämpfen nicht, fahren nicht mit Jeeps auf die Truppenübungsplätze, sitzen häufig nur am Schreibtisch. Und doch sind sie für das Militär unverzichtbar, denn sie sorgen für Recht und Ordnung und dafür, dass die anderen Soldaten in einem sicheren Umfeld leben und arbeiten können. Das ist wichtig, denn von hier aus werden alle etwaigen Einsätze in Europa, Russland, Israel und Afrika vorbereiten.
Private Jayden Wallace ist 20 Jahre alt und im Bundesstaat Kentucky im Südosten der USA aufgewachsen. Er hat kurze blonde Haare und ein jungenhaftes Gesicht. In seiner Heimat ist er mit seinen Freunden auf Quads durch den Wald gefahren, hat Truthähne und Rehe gejagt. Und er war Mitglied beim Junior Reserve Officers’ Training Corps, einer Organisation, die junge Menschen auf eine Zukunft beim Militär vorbereitet. Man könnte sie entfernt mit Pfadfindern vergleichen. Seit Januar 2018 ist er zum ersten Mal nach der zwanzig-wöchigen Grundausbildung als Gefreiter in Stuttgart stationiert. „Ich sitze am liebsten auf dem Schlossplatz, aber ich bin die vielen Menschen noch nicht gewohnt“, sagt er. Wenn es die Zeitverschiebung zulässt, spielt er in seiner Freizeit deshalb am liebsten online X-Box mit seinem kleinen Bruder.
Wie jeden Morgen geht der Soldat durch den Gang im Untergeschoss des Gebäudes der Militärpolizei. An den Wänden hängen gerahmte Fotos, Abzeichen und die Chain of Command, eine Tafel mit den Befehlshabern. Mit strengem Blick schaut US-Präsident Donald Trump vom Foto auf die 13 Männer in schwarzen Shorts und T-Shirts, die sich auf den Weg zum Zehn-Uhr-Training machen. „Up these stairs walk the best soldiers in the U.S. Army“, steht auf den Stufen, die Wallace hoch sprintet: Auf dieser Treppe gehen die besten Soldaten der US-Armee.
Sergeant Graig Schuler schaut herab auf die Soldaten, die allesamt vor ihm auf dem Rücken im Gras liegen. Arme rechts und links von sich gestreckt, Bauch angespannt, Beine leicht abgehoben und runterzählen. „Drei, zwei, eins, aufstehen“, ruft Schuler, dann geht es an die Klimmzugstange. Die Soldaten stützen sich gegenseitig und feuern sich an, zählen gemeinsam runter, als sie nacheinander die Übungen machen. Schuler hat kurze blonde Haare, akkurat gestutzt. Er sieht aus wie ein Soldat aus dem Bilderbuch. Dann lächelt er.
Er ist um zehn Jahre und drei Dienstgrade reicher als Wallace. Seit knapp drei Jahren ist er in Stuttgart. Fast alle männlichen Mitglieder in seiner Familie haben im Militär gedient, seit 2012 gehört auch er dazu. Davor war er Manager in einem Videospielegeschäft in seiner Heimat Florida. Sein Schwager hat ihn rekrutiert. „Keinen direkten Kampfeinsatz“, das war der Mutter wichtig, und weil Schuler frisch geheiratet hatte, ist er einverstanden gewesen und Militärpolizist geworden. „Für ein gutes Zusammenleben gibt es Regeln, die eingehalten werden müssen. Wir erinnern an diese Regeln. Nur so können wir uns alle gemeinsam verbessern“, beschreibt Schuler seine Arbeit.
Zehn Minuten brauchen die Soldaten, um T-Shirt, Hose, Jacke, Stiefel und schusssichere Weste anzuziehen. Vor dem Gebäude laden sie ihre Waffen nach, der Vorgesetzte kontrolliert, ob alles sitzt. Anschließend prüfen Wallace und Schuler das ihnen zugeteilte Auto ebenso gründlich. Erst, wenn die Ausrüstung einwandfrei ist, fahren sie los. Bis 22 Uhr werden sie damit auf Patrouille sein, am Zaun entlang und im Wohngebiet, vorbei an länglichen, weißen Gebäuden, die in den 30er Jahren für die deutsche Wehrmacht gebaut wurden und in denen jetzt amerikanische Streitkräfte aller Waffengattungen mit ihren Familien leben. Mit dem European Command und dem Africa Command ist Stuttgart der Standort für zwei der neun Oberkommandos der US-Streitkräfte weltweit.
„Die Kriminalitätsrate ist hier echt niedrig“, sagt Schuler. Bei den Militärbasen in den USA sei das anders. „Bevor ich hierher kam, war ich in Texas, wo es den größten Amoklauf der US-Militärgeschichte gab.“ Ein Militärpsychiater tötete 13 Menschen, verletzte 38. Schuler war bei der anschließenden Ermittlung dabei, kontrollierte Autos und Menschen, die auf das Gelände fuhren oder es verließen.
Die Soldaten fahren vorbei an den Schulen, in denen 1370 Schüler lernen, an der Kirche, die von allen Konfessionen genutzt wird, am Bowlingcenter, in dem sich die Soldaten und ihre Angehörigen zu Geburtstagsfeiern oder nach Feierabend treffen. Rund 24 000 Mitglieder hat die in Stuttgart lebende US-Militärgemeinde. In der Böblinger Panzerkaserne sitzt ihre Verwaltung.
Im zweitgrößten amerikanischen Einkaufszentrum in Deutschland sitzen Familien an viereckigen Tischen. Eine Gruppe Jugendlicher lacht schallend. Ein junger Mann hört Musik über seine Kopfhörer. Die Militärpolizisten zeigen Präsenz, gehen vorbei an Burger King, Pizzahut und Fast-Food-Ketten, die es in Europa gar nicht gibt. An den Wänden ist die Golden-Gate-Bridge abgebildet, davor ein Soldat und eine lachende Familie. „Nicht in den USA und doch zu Hause“, ist die Aussage.
Schuler und Wallace gehören zu den 20 Prozent der Militärgemeindeangehörigen, die in den Kasernen leben. Für sie gibt es kaum Gründe, die eingezäunten Gebiete zu verlassen. Berührungen mit Deutschland gibt es vor allem durch die enge Zusammenarbeit mit der lokalen Polizei, die für alle Fälle zuständig ist, in die Zivilisten verwickelt sind. Aber auch der Austausch mit der Bundeswehr ist wichtig. Immer wieder gibt es gemeinsame Trainingseinheiten, in denen die Soldaten die Waffen der jeweils anderen abfeuern und an deren Übungen teilnehmen. So sollen die Streitkräfte die Arbeitsweise der Verbündeten kennenlernen.
Weder Schuler noch Wallace wollen im Militärdienst bleiben. Deshalb haben sich beide für Fernstudien an einer Universität eingeschrieben, deren Programme sich an die Bedürfnisse der Militärangehörigen anpassen lassen. Maximal drei Jahre bleiben die Soldaten an einem Standort, dann werden sie versetzt. Für Schuler geht es nächstes Frühjahr für seine dritte Stationierung nach Georgia. Seine Frau und die drei Söhne ziehen mit. Auf lange Zeit plant er, Ermittler zu werden. Auch Wallace hat bereits Kontakt zur Kentucky State Police aufgenommen. Vor der nächsten Versetzung zurück in die USA hat er allerdings noch ein paar Monate in Stuttgart vor sich.
Stolz zeigt er das Abzeichen, dass er vor einer Woche bekommen hat. Eine Bulldogge, ein „war dawg“, wie sich die Truppe der Militärpolizisten hier nennt. Das Abzeichen hat er bekommen, weil er einem Brigadegeneral das abgelaufene Autokennzeichen abgeschraubt hat. Einem Mann, der rangmäßig so weit über ihm steht, dass er als einfacher Soldat den Wa- gen nicht mal berühren würde. „Professionalität“, sagt er, „ist das Wichtigste im Job“.
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Maren Häußermann