Domenico Armiento putzt seit 30 Jahren die öffentlichen Toiletten in Stuttgart
Erschienen am 13. Juli 2018 in der Stuttgarter Zeitung – Nr. 159
Domenico Armiento hat schon alles gesehen: im eigenen Kot schlafende Obdachlose, Spritzen von Drogenabhängigen, mehrere Leichen. Domenico Armiento ist Klomann, und seit 30 Jahren sorgt er dafür, dass der Rest von Stuttgart nicht sehen muss, was er tagtäglich sieht.
Um fünf Uhr in der Früh fängt er an. Dann streift sich der 60-Jährige seine blauen Handschuhe über, nimmt den Gartenschlauch und hält mit Hochdruck auf die Toiletten, bis auch sie blitzblank glänzen. Dann saugt er das Wasser vom Boden auf, damit niemand ausrutscht.
Der Italiener mit dem Schnurrbart und der Silberkette betreut das öffentliche WC an der U-Bahn-Station Schlossplatz. 50 Cent kostet der Besuch, dafür kriegt der Kunde ein Gefühl von Domenicos Ordnung. Er hat alle Putzmittel in der Kammer aufgereiht, das Toilettenpapier gestapelt, auf dem Putzwagen liegen gefaltet seine Handschuhe mit den Initialien A.D., darunter die von seinem Kollegen, der in dieser Woche die Spätschicht hat.
Zu dreizehnt sind sie, die Klomänner Stuttgarts. Sie reinigen 44 WC-Anlagen rotierend oder verbringen ihre Tage in den ständig betreuten Stationen: Markthalle und Schlossplatz.
Domenico Armiento steht an seinem Drehkreuz und schaut hinaus in die Schächte der U-Bahn-Station, wo die Menschen zur Arbeit eilen oder zum Einkaufen.
Er kennt die Besucher und weiß, nach welchem er einen Kontrollgang machen muss. Dann geht er zu den Kabinen und wischt mit dem Lappen über die Klobrille. Oder er kommt zurück, mit den Händen in den Taschen seiner Arbeitshose, und sagt: „Isch in Ordnung.“
Als er noch von Toilette zu Toilette gefahren ist, war es nicht in Ordnung. „Wir haben alles gefunden, alles.“ Domenico erinnert sich an die Obdachlosen, die sich in die Hose gemacht haben, sich an der Wand abgestützt und alles dreckig gemacht haben. Er weiß noch, wie er die Kabinentüren nicht aufgekriegt hat, weil sie dahinter schliefen, wie sie die Klos verstopft haben mit Obstresten.
Wenn jemand auf Domenico zukommt, ist er vorbereitet. Aus seiner Kasse holt er 50 Cent Stücke, die er gerne gegen die Euromünzen der Getriebenen wechselt. Eine Frau schaut verwundert, als ihr der Klomann das Wechselgeld in die Hand drückt und sie selbst das Drehkreuz aktivieren muss. Hilfsbereit steht Domenico daneben, denn er weiß: Das Gerät ist höchstsensibel. Wer zu schnell durchwill oder zu lange wartet, schafft es nicht. Dann öffnet er den Leuten die Tür mit dem Schlüssel.
Gelegentlich zieht ein strenger Geruch von den Klos in Richtung Eingang. Draußen gurrt eine Taube. „Die ist mal reingelaufen, aber hat gleich wieder umgedreht und ist gegangen“, erzählt Domenico. 1984 ist er nach Deutschland gekommen, weil es in Italien keine Jobs gab, wie er sagt. Er hat vier Jahre auf der Baustelle gearbeitet, dann einen neuen Job gesucht. Damals hat die Abfallwirtschaft Stuttgart Sanitärreiniger gesucht. „Mir egal, hab Kinder und Frau, brauch Geld“, hat sich Domenico gedacht und mit dem Putzen angefangen.
Deutsch hat er nie gut gelernt. „Bei der Stadt arbeiten vor allem Italiener, Portugiesen, Griechen und Türken“, sagt er. In ihrer Pause besuchen sie ihn, er plaudert mit ihnen und schaut ihnen beim Vespern zu. Dann sitzen sie auf dem langen Schreibtisch in dem grauen Büro, die Beine baumeln in der Luft und erzählen von ihrem Tag.
„An der Klett-Passage, Mamma mia, da sind Leute nicht normal“, sagt ein Kollege, der zwischen Hauptbahnhof, Neckartor und Charlottenplatz rotiert. Es geht um betrunkene Frauen, die mit Klopapier spielen, um Rumänen, die sich in den WCs waschen und dort schlafen.
Besonders prägend für die Klomänner waren und sind die Drogenabhängigen. Sie legen ihre Spritzen auf den Türrahmen“, erzählt ein anderer Kollege, „öffnet man die Kabine, dann fallen sie herunter.“ Er reibt sich den Nacken. Auch Domenico hat einmal eine Spritze abbekommen. „Ich wusste erst nicht, warum es so juckt“, sagt er. Die Nadel habe sich durch das dicke Material seines Arbeitsschuhs gebohrt.
Vielleicht auch, um solchen Erlebnissen zu entgehen, kommen ältere Frauen, elegant gekleidete Geschäftsmenschen und die, die sich auskennen, an den Schlossplatz. Um 10 Uhr kommt das Geschäft in Gang, je später es wird, desto mehr Arbeit hat Domenico. Sorgsam behandelt der Klomann die Spuren in Kabine eins des Damenklos. „Des isch oft“, sagt er. „Oben kaufen sie sich das Bier für vier Euro“, er zeit zur Decke, die den zentralen Stuttgarter Shopping-Platz von der Unterwelt trennt, „dann zahlen sie hier 50 Cent und denken, sie können alles machen.“ Er rollt den Schlauch zusammen. Die letzten zwei wurden geklaut. „Sie wollen Sauberkeit, aber hinterlassen dreckig.“
Manchmal wollen die Leute keine 50 Cent zahlen. Dann werden sie aggressiv, dann treten sie gegen die Absperrung oder zücken Messer. So wie damals, als sein Kollege Dienst hatte. Er habe sich dann im Büro eingeschlossen und das Tor des WC herunterfahren lassen. Der Übeltäter war im Toilettenvorraum gefangen, bis die Polizei kam.
„Manchmal hab ich Angst“, sagt Domenico. Deshalb versucht er, Konflikte zu vermeiden. Lässt auch Leute rein, die sich den Klogang nicht finanzieren können. Wie das Mädchen mit dem großen Rucksack, das angeblich nur 46 Cent zusammenkriegt. „Gracias“, sagt ein Besucher mit schwarzer Kreuzkette beim Rausgehen. „Prego“, erwidert der Klomann und schaut dem Gast nach, wie er auf der Rolltreppe emporfährt. Wie das Wetter draußen ist oder was oben auf dem Schlossplatz passiert, kriegt er hier unten kaum mit. So wie viele Leute nicht mitkriegen, was Domenico in seinem Arbeitsalltag alles erlebt.
So viele Tote habe er schon gefunden, „an der Klett-Passage mindestens zehn.“ Meist Erfrorene, Obdachlose oder Drogenabhängige. Einmal habe eine Leiche die Tür blockiert, Domenico hat nur Spritzen und Blut durch den Spalt gesehen. Einmal war da jemand ganz blau angelaufen. Domenico hat den Krankenwagen gerufen und ihm das Leben gerettet.
Einen anderen Job kann er sich trotzdem nicht vorstellen. 25 Jahre lang hat er nebenher auch Büros gereinigt. Am schlimmsten fände er es, den ganzen Tag an einem Schreibtisch sitzen zu müssen. Deshalb sitzt er auch kaum in seinem Büro, hier, wo das Radio auf dem Tisch steht und die Geldzählmaschine.
Gegen Schichtende zählt er seine Einnahmen: 127,71 Euro. Sein Kollege Manuel Malandras packt das Geld in einen Sack. Auch er ist seit mehr als 30 Jahren Klomann in Stuttgart. Als Mädchen für alles holt er das Geld ab, bringt neue Putzmaterialien und repariert die defekten Toiletten. Aktuell beschäftigt den Portugiesen der Charlottenplatz. „Junkies haben die Abflüsse mit Spritzen verstopft und Rohre und Abdeckungen abgerissen“, sagt er, „auf der Suche nach Drogen.“ Er zeigt Fotos auf seinem Handy.
Domenico zückt ebenfalls das Smartphone und eine Lesebrille, die er auf seine normale Brille setzt. Bald findet er das gesuchte Bild: eine Aufnahme von einer Küste. Seine Heimat Apulien, in die er im September für drei Wochen Urlaub zurückkehrt. „Das Meer isch nur sieben Kilometer weg“, sagt er.
Ein Mann klopft mit einem Geldstück ans Fenster. Er hat seine Jacke über die Schultern gehängt und die Sonnenbrille auf den gegelten Haaren zurückgeschoben. Ihm folgt ein Mann mit zerknittertem Hemd und pinkfarbener Mütze auf den strähnigen Haaren. Domenico winkt ihm zu, ein Stammgast.
Noch fünf Jahre Arbeit hat Domenico in den Stuttgarter Aborten vor sich. Er schaut hoch zum Sicherungskasten. Gemeinsam mit seinem Kollegen hat er dort einen Altar errichtet. Ein kleiner Elefant steht da, den sie auf dem Boden gefunden haben. Und Padre Pio, ein Schutzheiliger aus seiner Heimat. „Er beschützt die Stadt“, erklärt Domenico.
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Maren Häußermann