Das Geschäft mit den Kleiderspenden – Second Hand

Nicht alle Spenden für karitative Zwecke landen direkt bei Bedürftigen. Oft wird die Ware an Verwertungsbetriebe verkauft, die sie dann im eigenen Laden oder ins Ausland weiterverkaufen. Ein Einblick in den Alltag des Schorndorfer Gebrauchtwarengeschäfts Wühli. 

Erschienen am 27. Juni 2018 in der Stuttgarter Zeitung – Nr. 145

Bubi pfeift zur Melodie des SWR4-Schlagers. Seine graue Mähne ist schulterlang, sein blaues T-Shirt schweißnass. Er schiebt einen Einkaufswagen voller Kleider über den Steinboden der alten Fabrikhalle, vorbei an Wühltischen bis zum Tresen. 

„Die Leute sind ja völlig falsch informiert. Sie denken, sie geben ihre Kleidung ans Rote Kreuz und die geben das dann weiter.“ Bubi, der laut Personalausweis Armand Bernhard heißt, weiß es besser: Mehr als die Hälfte seines Lebens hat der 69-Jährige im Wühli ver- bracht, einem Schorndorfer Gebrauchtwarengeschäft und nach eigenen Angaben einer der größten Verwertungsanlagen in Süddeutschland. Bis zu 15 Tonnen Textilien kauft der Betrieb wöchentlich karitativen Organisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz oder der Diakonie ab. Nach deren Angaben kostet ein Kilo weniger als 40 Cent. 

In der Scheune nebenan stapeln sich die Kleidersäcke bis zur Decke. Ein Teil der Ware geht in den eigenen Laden, das meiste aber wird weiterverkauft – „an Kunden, die was Ähnliches machen wie wir“, sagt Nicolai Kraus. 

Er hat vor sechs Jahren mit seiner Mutter Monika das Geschäft von seinem Onkel, Monikas Bruder, übernommen. Seitdem hat sich der 26-Jährige zum Entsorgungsfachmann entwickelt. Während Monika Kraus mit ihrer Schwester, ihrer Schwägerin und Bubi den Laden schmeißt, verhandelt Nicolai mit Lieferanten und Kunden in der Region und im Ausland und koordiniert verkauf der Ware nach Afrika und Osteuropa. 

Um neun Uhr morgens steht Nico, wie sich der Chef vorstellt, mit Arbeitshandschuhen bewaffnet vor seinem taupe-grauen Lastwagen – ein Bundeswehr-Lkw. Auf dem Kopf trägt er eine schwarze Schildmütze, darunter viel Bart. Er ist kräftig gebaut, seine Nägel sind dreckig. Neben ihm erscheint der Kollege, ähnliche Statur, rostroter Bart. Merlin macht in Stuttgart seinen Bachelor, beim Wühli hilft er seit zwei Monaten aus. 

Gemeinsam tuckern die beiden durch das Verkehrschaos zur 30 Kilometer entfernten Diakonie. „Sie rufen immer an, wenn nur noch eine Reihe Platz ist, dann kommen wir,“ sagt Nico, während er rückwärts vor dem Frachtcontainer parkt. Merlin springt hinein und hievt blaue Säcke und Kartons auf die Ladefläche des Lkw. Nico legt seine Zigarette auf das Containerdach und stapelt „die Rohware“, wie er sie nennt, Reihe für Reihe, wie eine Mauer. 

Alle zwei Tage füllt er so den Laster randvoll mit ein bis zwei Tonnen Textilien und Haus- haltswaren, sogenannter „harter Ware“. Dabei handelt es sich um private Spenden, die den Eigenbedarf des Hilfswerks übersteigen. 

Nico wischt sich den Schweiß von der Stirn, bevor er eine lose Jacke auffängt, die Merlin ihm zuwirft. Es klimpert. „Trinkgeld“, sagt er und steckt sich grinsend den einen Euro in die Hosentasche. Jeder darf behalten, was er findet, das ist die Regel im Wühli-Team. „Eine Kollegin hat mal 100 Euro in einer H&M-Jogginghose gefunden. In jeder Tasche 50“, sagt Nico. Routiniert arbeiten die beiden Männer, gelegentlich springt Nico gegen die Säckewand, um zu verhindern, dass sich ihr Gewicht verlagert. „Wenn wir einen 40-Tonner laden und eine Reihe bricht, das macht dann keinen Spaß.“ Mit Ladungssicherung kennt er sich aus. Rund zehn Bezugsquellen hat er, fast täglich lädt er Lkw ein oder aus. „Tetris-Fähigkeiten sind sehr wichtig in diesem Job“, sagt Merlin. 

An der Warenmenge habe sich über die Jahre kaum etwas geändert. Aber durch das Internet wissen die Leute, was wertvoll ist und verkaufen lieber selbst. Auch die Flüchtlingskrise wirke sich vor allem auf die Qualität der Ware aus. „Wir merken, dass die Leute Sachen spenden, die sie sonst vielleicht eher weggeworfen hätten“, sagt Nico. Schlecht für den Ladenbetrieb des Wühli, der den Stückpreis durch die Marke und Qualität des Produkts rechtfertigt, dieses aber durch das Zufallsprinzip erhält. 

„Was wir selbst verkaufen und was weitergeschickt wird, ist die Katze im Sack“, erklärt Nico zurück an der Fabrikhalle. Manchmal sieht man ein interessantes Teil durch den Plastiksack durchschimmern, „den merken wir uns dann“. Nur ein Teil der Säcke wird aufgemacht, nur ein Teil der Ware sortiert. 

Was nach Osteuropa, Georgien, Rumänien, auch Griechenland geht, wird ungeöffnet weiterverkauft. Die Kunden sortieren dann vor Ort oder verkaufen die Säcke ebenfalls ungeöffnet weiter. „Die Verwertungskette ab hier ist eigentlich endlos“, sagt Nico. 

Im Keller sortieren die Mitarbeiter den Inhalt der ausgewählten Säcke nach Geschlecht und nach Jahreszeit. Im hintersten Teil sind einzelne Schuhe aufgereiht. „Das ist unsere Single-Schuh-Börse“, scherzt Nico. Warum Leute ihre Schuhe in unterschiedliche Säcke packen oder tatsächlich nur einen abgeben, fragt er sich oft. Nicht immer taucht das Gegenstück wieder auf. 

Jedes Produkt wird zwei Mal kontrolliert. Stimmt die Qualität, geht die Auswahl in den Laden. „Die Mädels entscheiden dann, was sie haben wollen. Alles, was sie wieder runterschicken, kommt in den sortierten Export“, erklärt Nico, denn nicht jeder Kunde will einen blauen Überraschungssack. 

Afrika zum Beispiel bevorzugt Schuhe und Sommerkleider. „Was wollen die denn auch mit Pelzmänteln“, fragt Bubi im Vorbeigehen und zuckt mit den Schultern. 

Die Kunden arbeiten oft zusammen, bringen sich auch gegenseitig Ware mit, wenn sie in Deutschland sind. Auf Wühli werden sie vor allem durch Weiterempfehlung aufmerksam. Das funktioniere in der Branche gut. Man vermittle sich gegenseitig Aufträge, wenn es um Produkte geht, die man nicht im Sortiment führt oder die man nicht mehr stemmen kann. 

„Nur manchmal kommt es zum Verdrängungsversuch“, sagt Nico. Dann bietet ein anderer Betrieb der Diakonie oder einem anderen Lieferanten mehr Geld für die Säcke. Deshalb will Nico auch nicht, dass seine konkreten Bezugsquellen in der Zeitung genannt werden. 

Er versorgt auch Secondhand-Boutiquen in Stuttgart und Umgebung mit Waren. Andrea Stigler aus der Boutique Second Dreams sieht dadurch ihr Geschäft in der Innenstadt in Gefahr: „Klar kann man die Ware günstiger anbieten, wenn man sie preiswert kauft.“ 

Stigler verkauft auf Kommission. Von dem Geld, das die gelernte Einzelhandelskauffrau für ihre Ware bekommt, geht ein Prozentsatz an den ursprünglichen Besitzer. So kommt ein Paar gebrauchter Adidasschuhe auf den Preis von 28 Euro. Läden, die Sackware verkaufen, können das gleiche Produkt für die Hälfte anbieten. 

In der Tübinger Straße am Marienplatz haben sich in den letzten Jahren fünf Second- hand-Boutiquen angesiedelt. Sie verkaufen ausgewählte Kinder- und Damenbekleidung, Vintagestücke oder, wie Stigler und ihre Tochter, „trendige Markenkleider“. Die Clusterbildung hilft, sie zieht Kundschaft an. Stigler hat ihre Boutique seit 1994 hier. Sie sieht eine rosige Zukunft für Gebrauchtwaren, obwohl der Bedarf geringer ist als das Angebot. In ihrem Laden hat sie die Kleidung nach Farbe sortiert, Schmuck sorgfältig am Tresen ausgestellt. 

Im Wühli wühlt ein Kunde in der Ringe-Box. Seit Monika die Kontrolle über den Laden übernommen hat, ist auch hier mehr Ordnung eingekehrt. Der alte, deckenhohe Kleidungsberg, durch den der Name Wühli entstanden ist und auf den jeder mit Straßenschuhen steigen konnte, musste verschwinden, Monika schreibt Hygiene groß. Das hat nicht jeder vorherige Besitzer so gemacht, und auch den wirtschaftlichen Vorteil haben nicht alle genutzt. 

„Ich glaube, die Hälfte ist noch auf der Flucht vor dem Finanzamt“, sagt Nico. Monika und er sind die sechsten Inhaber des Ladens. Bisher habe nur der Onkel keine Schulden damit gemacht. Nico will mindestens genauso erfolgreich zu sein, aktuell sucht er nach einem neuen Standort für den Wühli auf dem leer gefegten Immobilienmarkt. 

Seit 42 Jahren existiert der Laden. Bubi war die ganze Zeit dabei. Er kennt die Kunden, manche kommen drei Mal täglich vorbei. Stündlich gibt es neue alte Ware, aus den von Nico per Zufall ausgewählten Spendensäcken.

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Maren Häußermann