»Irgendwie geht es doch weiter«

In ihren Bildern verarbeitete Ceija Stojka das Leben als Romni und im Nationalsozialismus. Nun wird ihr Werk in Madrid gezeigt.

Erschienen am 23. Januar 2020 in Die Zeit – Nr. 5

Ceija Stojka schmiert sich die Farbe aus einer Tube auf die Finger der rechten Hand und bearbeitet die Leinwand. Durch kurze Wischbewegungen entsteht der blaue Hintergrund für ein Gemälde. In dem Dokumentarfilm Unter den Brettern hellgrünes Gras kann man der im Jahr 2013 verstprbenen Künstlerin und Holocaust-Überlebenden bei der Arbeit zusehen. Gedreht hat den Film ihre Freundin, die Filmemacherin Karin Berger. 

Es habe Ceija Stojka ausgezeichnet, dass die ihren Schmerz nicht verdrängt habe, sagt die Regisseurin. Er wurde für sie zu einem Lebensgefühl. Zum einen wegen der Menschen, die sie verloren habe, aber auch wegen der Erfahrung, wozu Menschen fähig seien Wie sie ihresgleichen quälen könnten. “Ich glaube, sie hat diesen Schmerz nie abgekapselt, sondern er ist immer durch sie durchgeronnen, und vielleicht hat das es ihr ermöglicht, nicht verbittert zu werden”, sagt Berger. 

Die vor sieben Jahren verstorbene Künstlerin hatte als Kind die Konzentrationslager Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen überlebt und ihre Erfahrungen seit Ende der 1980er-Jahre in Gemälden verarbeitet. Bis März sind 170 davon im Museum Reina Sofie für zeitgenössische Kunst in Madrid zu sehen, während das künstlerische Werk in ihrer Heimat kaum je gewürdigt wurde. Fast vier Millionen Menschen besuchen das Madrider Museum im Jahr, mehr Besucher, als jedes andere Museum in Spanien verzeichnet. Es gehört zu den am häufigsten besuchten Kunstmuseen der Welt. Die Ausstellung ist ein Höhepunkt für die Familie – ihre Neffen sind die Musiker Harri Stojka und Karl Ratzer. 

Der erste Ausstellungsraum präsentiert Bilder voller Wiesen mit Blüten, Holzwohnwagen, bunt gekleideten Menschen, Pferden und Wetterphänomenen, “Das einfache Zigeunerleben”, wie der Titel eines dieser Gemälde lautet. 

Die Natur um den Neusiedler See ist wild, und die Blüten sind so bunt wie die Kleider und Kopftücher. Es war ein ungezwungenes Leben, ein und gemütlich, das Stojka in Acryl-Gemälden darstellte. Die Mutter, der Vater und die sechs Kinder reisten durch Österreich, verweilten am Neusiedler See und in den Wäldern um Wien. Dann, plötzlich, ist die Hakenkreuzflagge am Bildrand. Und die scheinbar ungezügelte Lebensfreude hört auf. 

Die Ausstellung wird düster. Sie geht über zu Tintenzeichnungen mit Hakenkrezen, Zäunen, nackten Menschen, Zügen. All die Schrecken, die Stojka in den drei Konzentrationslagern, in die sie verschleppt worden war, gesehen hat, die sie überlebte. 

Im Herbst 1943 nehmen die Nationalsozialisten das neunjährige Mädchen fest und bringen es mit seinen Geschwistern und der Mutter nach Auschwitz-Birkenau. Der Vater war da bereits von den Nazis ermordet worden. Im Lager sehen die Menschen wie Tiere aus. Dürr, geisterhaft bildet sie Stojka ab. Mit ihren Geschwistern muss sie im Steinbruch arbeiten. Sie werden geschlagen. In den Decken sind Typhusläuse, und sie werden krank. Stojkas jünster Bruder stirbt daran mit sieben Jahren. Dass sie selbst nicht stirbt, verdankt sie ihrer Mutter, die ihr einbläut, sich als 16-Jährige auszugeben. So kommt die Zehnjährige als Arbeitskraft mit in das Frauen-KZ Ravensbrück nördlich von Berlin. 

Ceija Stojka hat Angst vor den gnadelosen SS-Aufseherinnen mit ihren Hunden. Immer wieder müssen die Gefangenen stundenlang in der Kälte Appell stehen. Mit der Schwester und Mutter landet Stojka später in Bergen-Belsen. Als die Alliierten 1945 das Lager befreien, können sie nicht glauben, dass zwischen den Toten noch Lebende sind. So schlimm ist ihr Zustand, dass die Gefangenen die schockierten britischen Soldaen zunächst trösten müssen. 

Stojka war die erste österreichische Romni, die ihre Geschichte erzählt hat. In Zusammenarbeit mit Karin Berger entstanden zwei Bücher Wir leben im Verborgenen und Träume ich, dass ich lebe?, sowie zwei Dokumentarfilme. Heute sind ihre Texte unter anderem auf Französisch und Spanisch übersetzt. Es macht Stojkas Werk so besonders, dass sie auf einer Kultur kam, in der Geschichten mündlich übertragen werden. Sie merkte sich Details und schilderte alles so bildhaft, dass man fast riechen und sehen kann, was sie gerochen und gesehen hat. Ihr war bewusst, dass sie ihr Publikum mit der Erzählung der Grausamkeit ein Stück weit verletzt. 

“Solange ich leben werde, werde ich daran denken, was sie mit uns gemacht haben”

“Irgendwie geht es doch weiter”, steht in einem von Stojkas Texten. Das spiegelt sich auch in den Bildern über die Nachkriegszeit. Sie ähneln jenen im ersten Ausstellungsruam. Sie nannte sie ihre “hellen Bilder”, die “viel Schöneren”, wie sie fand. Stojka brauchte nicht viel, um glücklich zu sein: die Kirschbäume am Weg ins Dorf, wo sie Milch holte, die kochende Mutter mit ihren blauen Augen, das Grammofon mit der zerkratzten Platte, die ein Engländer ihr nach der Befreiung geschenkt hatte, Stoffe und Farben. 

“Solange ich leben werde, werde ich daran denken, was sie mit uns gemacht haben, der Hitler und seine Leute”, dichtete Stojka. Kleine, alltägliche Dinge lösen bis zum Ende ihres Lebens Qualen aus. Als sie mit 15 Jahren einen Eiszapfen hängen sieht, ist sie sofort wieder in Auschwitz. “Es ist mir bis heute ein Rätsel, dass sie noch immer eine lebhafte, lustige Person war, die auch immer andere sehr unterstützt hat”, sagt Berger und erzählt, wie sich Stojka um eine Bekannte gekümmert hat, die nach einem Unfall körperliche Probleme hatte. Sie hat sie fast täglich besucht und mit ihr gesungen. “Das war fantastisch, ihr zuzuschauen, wie sie diese Frau aufgerichtet hat.” 

Stojka hatte beschlossen, nicht zu hassen, sonst hätte sie nicht weitermachen, nicht lieben und keine Kinder kriegen können. Sie war sehr gläubig und meinte, dass Gott sich um die Verantwortlichen kümmern werde. Sie hingegen wollte jetzt ihr Leben leben, ausgehen und schön sein. 

Sie hatte einen eigenen Stil, modern und gleichzeitig speziell. Die eleganten Kleider ergänzte sie mit schrägen Schmuckstücken. Im Film Ceija Stojka zeigt ihr Spiegelbild, während sie sich die blondierten Haare kämmt. “Man hatte so viel Angst vor dunklen Menschen”, sagt sie. Deshalb hat sie sich ursprünglich die dunkle Mähne gefärbt. 

Dieser Pragmatismus hat Stojka das Überleben erleichtert. Nachdem die Familie in den Wirren des Nachkriegsösterreich in Wien gelandet war, beschafften sich die Geschwister Gewerbescheine und wurden Marktfahrer. In ihrem Buch erzählt Stojka wie sie auf dem Weg nach Feldkirch ohne Geld in einer Pension übernachteten. Am nächsten Morgen verkaufte sie spontan einen Teppich und konnte so die Rechnung begleichen. 

Ceija Stojka behütete ihre Kinder, wie sie von ihrer Mutter gehütet wurde

Sie sei ein Kommunikationstalent gewesen und habe es geschafft, auf die unterschiedlichsten Menschen zuzugehen, erzählt Karin Berger. Das half ihr, eine geschickte und erfolgreiche Verkäuferin zu werden. Trotzdem: Die Angst, dass sich die Gesellschaft jederzeit wieder gegen sie und gegen ihre drei Kinder und die Enkel richten könnte, blieb ihr das Leben lang. 

Jedes Zusammentreffen mit Behörden, jeder bürokratische Aufwand weckte Erinnerungen an die Einschränkungen in den Kriegsjahren. Staatliche Institutionen waren für Stojka eine Bedrohung der Freiheit. Auch deshalb hat sie ihrem zweiten Sohn geholfen, aus dem Jugendheim zu fliehen, in das er gebracht wurde, nachdem er die Schule geschwänzt hatte. “Es war mir unbegreiflich, wieso sie mein Kind in ein Heim steckten. Es war Winter 1968, und ich spürte die Kälte von Auschwitz”, schrieb sie. 

Sie behütete ihre Kinder, wie die Mutter sie behütet hatte. Zusammenhalten bedeutet leben, das hat sie ihre Erfahrung gelehrt. Bis er volljährig war, versteckte Stojka ihren Sohn Jano vor den Behörden. Doch die Gemeinschaft, die sie immer gerettet hat, konnte ihm nicht helfen. Immer wieder entschwand der junge Musiker ihrem Nest, und dass er Ende der 1970er-Jahre an einer Überdosis starb, hat Stojka nie ganz verkraftet. 

Von nun an fuhr sie nicht mehr auf die Märkte, sondern widmete sich der Aufarbeitung ihrer Geschichte. Sie startete eine zweite Karriere, ging auf Lesungen, sang auf der Bühne, malte. Damit schaffte sie es, die Aufmerksamkeit auf die österreichischen Roma und deren Schicksal im Nationalsozialismus zu richten. Ihre Bilder erregten internationales Echo und wurden schon in Frankreich, Holland und den USA gezeigt. Nur in Österreich gab es bisher keine umfassende Ausstellung ihres bildnerischen Werkes.

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Maren Häußermann